„Samstags war Badetag“

„Samstags war Badetag“

„Weißt Du noch, wie`s früher war…“ am 05.Juli 2017 mit Gudrun Stenzel (*1948) als Erzählerin

 

13 Kinder begrüßten die Erzählerin Gudrun Stenzel am 5.7.2017 mit dem „Weißt Du noch, wie`s früher war…“-Lied in unserer Heimatstube.

„Wer von Euch hat Zuhause ein Badezimmer? Wer hat fließendes Wasser aus der Leitung? Wann duscht oder badet Ihr Euch?“ Natürlich hat jedes Kind zu Hause ein Badezimmer und geduscht wird heute fast täglich. Das ist ganz normal. Aber Gudrun erinnert sich, dass das eben zu ihrer Kindheit ganz und gar nicht üblich war. Nur wenige Familien verfügten in den 50er Jahren über ein eigenes, richtiges Bad. In Leopoldstal wurde die Wasserleitung erst 1957 gebaut und erst ab da gab es Wasser aus der Leitung in den Häusern. Die Wege wurden aufgebaggert und Rohre verlegt und dann wurde die Zuleitung zu den Häusern gelegt. Gudrun erinnert sich, dass der Bau der Wasserleitung mit viel Aufwand und Arbeit verbunden war. Und bis zu diesem Zeitpunkt gab es kein Badezimmer, kein fließendes Wasser und auch keine Toilettenspülung. Das Wasser, das benötigt wurde musste mit Hilfe einer Schwengelpumpe mühsam aus dem Brunnen beschafft werden.

Nur am Samstag wurde gebadet. Die Kinder gingen damals 6 Tage zur Schule, die Eltern mussten 6 Tage arbeiten und man freute sich auf den freien Sonntag. Da wollte man sauber sein!
Gudrun ist in der Rischwiese aufgewachsen. Dort hatten die Eltern eine kleine Landwirtschaft mit Ziegen, Hühnern und Schweinen. Das Haus hatte ein großes Deelentor, das konnte man im Sommer ganz weit aufmachen. Rechts war die Waschküche mit einem Gang in den Stall. Links waren die Wohnräume. Es gab dort eine große Wohnküche, einen großen Wandschrank mit Durchreiche und in dem dahinter gelegenen Zimmer befand sich dann die Wasserpumpe. Dieser Raum war mit Steinen gepflastert und wurde deshalb „Steinküche“ genannt. Dort wurde auch das Geschirr gespült.
Im oberen Bereich gab es noch die Werkstatt des Vaters, eine Holzbildhauerei.

Nun, wie sah so ein „Badetag“ aus? Der Tag besteht ja nicht nur aus Baden. Vormittags gingen die Kinder gewöhnlich zur Schule, die Tiere im Stall mussten versorgt und natürlich auch noch einige weitere Arbeiten verrichtet werden. So hat die Mutter am Samstag Vormittag geputzt, gewischt und auch gebohnert. Und Gudrun wusste, wenn es im Haus nach Bohnerwachs roch, dann war Badetag. „Mein Bruder, der 5 Jahre jünger ist als ich, hatte immer großen Spaß daran sich auf den Bohnerbesen zu stellen, die Hände um den Stiel gefasst, um sich so von der Mutter hin und her schieben zu lassen!“ Am Samstag kam auch immer der Bäcker mit einem Verkaufswagen. Da gab es frisches Brot, Kuchen und oftmals „Amerikaner“. Die schmeckten immer so lecker.
Der Vater hat dann am Nachmittag das Bad vorbereitet. In der Waschküche gab es einen großen runden Ofen aus Stein (“Mantelofen“), der von unten mit Holz befeuert wurde. Es gab große Einsätze für den Ofen, je nachdem, was man erhitzen wollte. Zum Wäschewaschen, Einkochen, Schlachten und zum Schweinefutter kochen. Das Schweinefutter wurde aus Runkeln und Kartoffeln gekocht.

Der Waschkessel hatte keinen direkten Wasserzulauf. Der Vater musste das Wasser aus der „Steinküche“ in die Waschküche holen.
Das Badewasser wurde immer in dem Waschkessel erhitzt. Die Mutter mischte heißes und kaltes Wasser und füllte es in die Zinkbadewanne, die unter der Woche platzsparend aufrecht an der Wand lehnte. Dann gab es immer den besonderen Moment: Gudruns Mutter gab dem Badewasser eine Brausetablette zu. „Das roch so schön nach Fichtennadeln, das Wasser duftete!“
„Wir badeten zu zweit, mein Bruder und ich. Mein kleiner Bruder saß dann immer dort in der Wanne, wo eigentlich der Kopf liegen muss. Dort saß er etwas höher und das Ende der Wanne war abgeschrägt. Dann rutschte er immer vom Rand auf den Boden der Wanne und freute sich. Mein Bruder rutschte, das Wasser spritzte, aber das machte gar nichts, war ja in der Waschküche.“ Gudrun erinnert sich, das Baden nicht nur Spielen war. Denn nach dem Rutschen und Planschen kam die „Hauptarbeit“, das Waschen! Und das erfolgte nach den Anweisungen der Mutter. „Mit dem Waschlappen von oben nach unten und auch hinter den Ohren. Vom Kopf ging es dann langsam eine Etage tiefer bis zum Schluss die Füße dran waren.“ Gudrun hatte damals lange Haare. Das Haare waschen war eine weitere Prozedur. Ganz zum Schluss wurde mit klarem Wasser nachgespült und auch der ganze Körper nochmals abgespült. Das Haaretrocknen war in der warmen Jahreszeit kein Problem aber im Winter musste nachgeholfen werden. Und da hatte die Mutter ein „Spezialgerät“.

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Hierbei handelte es sich praktisch um einen Staubsaugermotor, der mit Standfuß und Haube aufgerüstet wurde und dann sehr „laut und kraftvoll“ die Haare trocknete. Gudrun konnte den Motor dieses Haushaltsgerätes der Firma Vorwerk-Kobold über die Jahre retten und demonstrierte eindringlich die Leistungsstärke der „Maschine“.“Hier wird die Luft angesaugt und dort wieder hinausgeblasen.“ Dabei ließ sie es sich nicht nehmen, den anwesenden Mädchen  anschaulich durch die langen Haare zu pusten.
So gern die Kinder plantschten und badeten, um 19.15 Uhr mussten sie fertig sein. Denn dann kam das Sandmännchen im Radio und das wollten sie auf keinen Fall verpassen. „Abends um acht Uhr war für uns Kinder „Schicht“, dann mussten wir ab ins Bett!“

Im Sommer diente die die Zinkbadewanne draußen als Planschbecken. „Wenn es heiß war gab es bei uns nicht kistenweise Sprudel. Es gab Tee, Wasser aus der Leitung oder „Kathreiner Kaffee“, einen Getreidekaffee. Bohnenkaffee durften wir Kinder nicht. Es gab zwar auch selbstgemachten Apfelmost, aber der musste gut eingeteilt werden weil er für das ganze Jahr reichen musste. Brause gab es nur sonntags wenn wir Spaziergänge mit den Eltern machten. Im Café Winter oder in der Silbermühle.“ Gudrun erzählte, dass die Kinder natürlich auch gerne Brause getrunken haben und dann hat die Mutter selber welche hergestellt. Wie das früher ging, zeigte uns Gudrun dann: In ein Wasserglas kommt ein Teelöffel Zucker der gut mit Essigwasser verrührt wird. Dabei kommt es auf die richtige Mischung an, wie Gudrun erklärte. Ihre Mutter sagte immer, zu viel Essig sei nicht gut für Kinder. Abschließend wird noch ein halber Teelöffel Natron hinzugefügt und wieder gut gerührt. „Wenn man das jetzt unter die Nase hält prickelt es!“

Seit 1956 gab es auch einen Kindergottesdienst in Leopoldstal mit einem richtigen Pastor, damals Pastor Beermann. Gudrun liebte den Kindergottesdienst und hat keinen verpasst. Sie erinnert sich an folgende Begebenheit: „Im Winter war es in der Waschküche zu kalt zum Baden. Da wurde eine kleinere Wanne in die Wohnküche gestellt. Das Wasser wurde aber nicht immer gleich nach dem Baden ausgeschüttet, weil man manchmal noch Wäsche einweichen wollte. An einem Sonntagmorgen war ich guter Laune. Im Radio lief schöne Musik, ich hatte schon mein Sonntagskleid an und tanzte und hopste durch die Küche. Auf einmal plumpste ich rückwärts in die Badewanne. Mit meinem schönen Kleid. Und ich wollte doch zum Kindergottesdienst. Egal, ich hab mir dann was anderes angezogen und konnte noch zur Kirche gehen.“
Gudrun erzählte schon, dass damals längst nicht jeder über ein eigenes Badezimmer verfügte. Einige Leute hatten zwar ein Badezimmer mit einem Badeofen aber auch nicht endlos heißes Wasser. Es gab aber früher ein öffentliches Bad in Leopoldstal. Und zwar in der Schule, wo heute der Kindergarten ist. Dort gab es 2 kleinere Räume als öffentliche Badezimmer und gegenüber gab es noch eine Gemeinschaftsdusche. Dort konnte man immer samstags gegen eine kleine Gebühr baden und duschen solange es warmes Wasser gab. In Mietshäusern gab es eine festgelegte Reihenfolge. Es wurde abgesprochen, wer, wann badete.

Nur in Ausnahmefällen wurde auch mal unter der Woche gebadet. Gudruns Großeltern wohnten im Sauerland in der Stadt, hatten aber auch noch kein eigenes Badezimmer. War Gudrun dort zu Besuch, kam es vor, dass der Dachboden saubergemacht werden musste. „Das war eine sehr staubige Angelegenheit und dann gab es die große Ausnahme: Baden unter der Woche!“
Bei Gudrun zu Hause wurde die Zinkwanne benutzt, bis Gudrun 15 Jahre alt war. Es dann wurde ein elektrischer Boiler angebracht und eine Dusche eingebaut.

 

Nach soviel Erzählungen freuten sich die Kinder über die Erfrischungspause mit selbstgemachter Brause, von Grudrun gebackenen „Amerikanern“ und echtem „Kathreiner Kaffee“.
Wie gelingt es „Badetag-Atmosphäre“ der 50er-Jahre auf den Sportplatz zu zaubern?

Ein schöner Sommertag, 3 Zinkbadewannen gefüllt mit warmem Wasser und fröhlichen Kindern in Badeanzügen. Dazu „würzte“ Gudrun das Badewasser mit den herrlich duftenden Brausetabletten! Jedes Kind durfte einen Fichtennadel-Badezusatz zur Erinnerung mit nach Hause nehmen. Vielleicht landen diese schon am Samstag bei ihnen in der Badewanne!

 

Text: Marion Petringmeier

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