„Ich kam als Pfarrer nach Leopoldstal“

„Ich kam als Pfarrer nach Leopoldstal“

„Weißt du noch wie`s früher war…“ am 10.05.2017 mit Siegfried Franzen (*1941)
Unser Erzählnachmittag fand diesmal im Gemeindehaus der Leopoldstaler Kirche im Eichenweg statt. Dort konnten wir dieses Mal 12 Kinder begrüßen, die wissen wollten, wie es früher im Pfarrhaus in der Gemeinde Leopoldstal so zu ging. Margrit Franzen hatte die Tische liebevoll mit kleinen Wiesenblumensträussen geschmückt, unser Begrüßungslied wurde von Siegfried Franzen auf der Gitarre begleitet.

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Schnell waren die Kinder mucksmäuschenstill, denn Siegfried begann seine Erzählung mit kräftiger Stimme. Stolz, respektvoll, ehrlich.
„In meiner Heimatstadt am Rhein gibt es eine Straßenbahn. Oft sind wir mitgefahren. In der Stadt sind die Wege ziemlich weit.“
So kam es, dass Siegfried zunächst einmal Schaffner werden wollte. Vorne in der Straßenbahn gab es eine Glocke, nur der Schaffner kassierte das Fahrgeld und sagte dem Fahrer, wann es weitergehen konnte.
„Nur der Schaffner durfte während der Fahrt auf- und abspringen, niemand sonst. Das fand ich toll!“

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Irgendwann änderte Siegfried seine Meinung und wollte Pastor werden, obwohl er nur sehr wenig über diesen Beruf wusste. „Der Pastor hat so einen schwarzen Kittel und ein weißes Lätzchen davor.“ Schnell warf Siegfried seinen „Talar“, so heißt nämlich dieser schwarze Kittel, über und band auch das weisse Lätzchen um. Wir lernten, das „Lätzchen“ heißt eigentlich „Beffchen“ und das gibt es sogar in verschiedenen Ausführungen. Daran erkennt man nämlich die Konfessionsrichtung der Pastoren. Es gibt zweigeteilte für die lutherischen, zusammengenähte für die reformierten und Siegfried stammt aus dem Rheinland, dort gibt es nur evangelisch, nur diese sind bis zur Hälfte zusammengenäht.

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Siegfried wusste als Kind auch, dass ein Pastor im Gottesdienst spricht. Mal am Altar oder Abendmahltisch, mal an einem Pult, der Kanzel.
„Wenn er dort spricht, dauert das länger. Alle hören still zu….Ich wusste auch: so ein Pastor hat mich getauft. Da war ich fast vier Jahre alt. Und Ihr?“ Viele der Kinder sind getauft, können sich an den Vorgang jedoch nicht erinnern, einige sind nicht getauft.
„Meine Eltern hatten immer Achtung vor den Pastoren. Sie haben dafür gesorgt, dass ich das Abitur machen und danach studieren konnte. Das muss man nämlich, um Pastor zu werden. Drei alte, fremde Sprachen muss man lernen, dann kann man die Bibel auch in den ursprünglichen Sprachen lesen: Hebräisch und Latein und Griechisch.“
„…und Martin Luther hat`s ins Deutsche übersetzt!“ ergänzte eines der Kinder.
„Am Ende muss man eine Prüfung ablegen, dann geht es für 2 Jahre in die praktische Ausbildung. Da habe ich allmählich gemerkt, was das für ein Beruf ist und was so alles dazugehört. So, nach zwei Jahren gibt es wieder eine Prüfung. Wenn ich die bestanden habe, kann ich selbständig in der Gemeinde arbeiten. Nach sieben Jahren mit vielen schönen und auch schwierigen Erfahrungen bin ich dann 1977 – das werden im September 40 Jahre! – nach Leopoldstal gekommen. Das Dorf kannte ich schon länger – Ihr wart ja im Februar bei uns im Forsthaus. Da im Haus habe ich meine Frau Margrit kennengelernt.
Um hierher zu kommen, musste ich mich bewerben. Und ich musste mich der Gemeinde in einem Gottesdienst und dem Kirchenvorstand an einem Sitzungsabend vorstellen. Der Kirchenvorstand stellt dann Fragen zur Person und Weiteres. Und weil niemand gesagt hat, den wollen wir nicht, hat mich der Kirchenvorstand gewählt. So bin ich also hierher gekommen.“
Zu dieser Zeit gab es die Kirche so wie wir sie heute kennen noch gar nicht in Leopoldstal. Es gab das Gemeindehaus, in dem die Gottesdienste stattfanden und der Kirchturm war auch schon da, die Kirche gab es noch nicht. Leopoldstal war damals auch noch ein Teil der Kirchengemeinde Horn.“ Siegfried zeigte ein altes Foto, welches das Gemeindehaus ohne Vordach und mit anderen Fenstern zeigt. „Guckt mal, so hat das Gemeindehaus füher ausgesehen.“

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Gleich neben dem Gemeindehaus steht auch heute noch das ehemalige Pfarrhaus. Dort wohnte Siegfried mit seiner Frau Margrit und seinen zwei Kindern, Sonja und Jan. „Für mich war es immer wichtig, mit den Menschen in der Gemeinde zu leben, bei ihnen zu sein. Also längst nicht nur in der Kirche zusammenzukommen.“
Zu Beginn seiner Amtszeit beobachtete Siegfried Franzen ganz genau was in seiner Gemeinde passierte, was den Leuten wichtig war. Er guckte welche Gruppen von wem geleitet wurden und lotete aus, wo seine Mitarbeit erforderlich war. Wo waren Änderungen notwendig und erwünscht, wo sollte Neues entstehen?
Ganz wichtig war die Disco im Jugendkeller. „Da unten war es überhaupt nicht schön, eher ein Rumpelkeller, trotzdem kamen freitags und samstags viele Jugendliche um Musik zu hören, sich zu unterhalten, auch Quatsch zu machen. Den Schlüssel mussten sie bei mir im Pfarrhaus holen und auch wieder abgeben. Das konnte dann auch schon mal spät werden.“

Außerdem gab es die Jungschar für Kinder im Alter von 8 – 12 Jahren, geleitet von Frau Schmidt.

Sonntags gab es immer den Gottesdienst um 9.30 Uhr und im Anschluss um 10.30 Uhr trafen sich die Kinder zum Kindergottesdienst. Weil Siegfried an fast jedem Sonntag noch einen zweiten Gottesdienst in Bellenberg, Holzhausen oder Veldrom halten musste, konnte er hier nicht dabei sein. Aber er hatte ein tolles, verlässliches Team von bis zu 10 jungen Leuten, auf die er sich verlassen konnte. „ Mit dem Kindergottesdienstteam habe ich aber jede Woche den Kindergottesdienst vorbereitet. Dazu haben wir uns in meinem Arbeitszimmer im Pfarrhaus getroffen. Das war meist sehr gemütlich und oft auch sehr lustig. Kindergottesdienst gab es auch in Bellenberg und in Veldrom. Darum bin ich mit dem Auto rumgefahren und habe die Teamer aus beiden Orten zur Vorbereitung abgeholt und später wieder nach Hause gebracht. Im Sommer wie im Winter! Da waren viele Kilometer zu fahren! Und bei Schnee und Eis musste ich besonders gut aufpassen.“ An diesen Nachmittagen wurde auch gerne genascht: Mit Vorliebe Sarotti-Schokolade. Schließlich hatte Siegfried früher mal in dieser Schokoladenfabrik gearbeitet!
Ja, und dann gab es auch noch den kirchlichen Unterricht für die Jugendlichen zur Vorbereitung auf die Konfirmation. Das kostete auch ganz schön viel Zeit.

Unsere Kinder hatten natürlich auch eine Vorstellung von dem, was ein Pastor so alles macht:
Hochzeitsfeier, Konfirmation, Kindstaufe, Geburtstagsbesuche… Siegfried Franzen zeigte Fotos, die all dies dokumentierten. Doch Hallo!, wer ist denn dieser Pastor in der alten Kirche in Leopoldstal mit dem langen Bart? – „Ja, auch ich sah damals anders aus!“
Es gibt jedoch auch viele Dinge zu erledigen, von der die Gemeinde wenig mitbekommt. Verwaltungsarbeit, Papierkram im Büro, Vorbereitung für Predigt und Unterricht, Gruppentreffen. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der zeitliche Aufwand für Telefongespräche.
Anfragen für Hochzeiten, Kindstaufen und auch traurige Angelegenheiten wie eine Beerdigung müssen besprochen werden. „Jemand hat eine Frage, ein anderer ein kleines oder ziemlich großes Problem und bittet um Hilfe.
Manchmal will jemand nur reden und braucht Einen zum Zuhören. Oft kommt so ein Anruf beim Essen… Einmal war es sogar nachts um 4:00 Uhr!“
Zusätzlich gibt es noch Treffen mit Kollegen, Arbeitsgruppen, Sitzungen des Kirchenvorstandes und der Ausschüsse. Der Kirchenvorstand leitet nämlich die Gemeinde (und nicht allein der Pastor oder die Pastorin!); der bestimmt, was getan werden muss und wofür das Geld ausgegeben werden soll und wofür nicht. Und manchmal kommen Obdachlose an die Tür und bitten um ein wenig Geld. Und Handwerker kommen, der Heizölwagen, der Orgelstimmer, der Monteur, der die Glocken in Ordnung hält. Die alle holen bei mir den Schlüssel. Und obendrein habe ich auch oft angepackt, wenn es was anzupacken gab, Stühle und Tische stellen und Vieles mehr. Für einen großen Umzug im Dorf habe ich mit Leuten aus dem Kirchenvorstand die Kirchtürme für unseren Wagen gebaut. Und für den Turm auf dem Friedhof in Heesten habe ich in Frankreich die Glocke gekauft und von Leopoldstal nach Heesten transportiert und mir dabei auch noch meine Finger gequetscht.“
Desweiteren gilt es Hausbesuche zu machen, Krankenbesuche, Besuche zur Konfirmation, in der Weihnachtszeit, wenn Menschen besonders einsam sind.
Taufen und Hochzeiten wurden im Pfarrhaus besprochen. „Manchmal wollen erwachsene Leute getauft werden. Die werden natürlich nicht wie Babys über das Taufbecken gehalten. Mit denen habe ich dann ausführlich darüber gesprochen, was die Taufe bedeutet.“

Auch das Gemeindeblatt musste gestaltet werden. Die meisten Artikel hierzu hatte Siegfried selbst geschrieben, die Illustrationen und Fotos stammten meistens von seiner Frau Margrit.
Großen Spaß bereiteten Siegfried Franzen die Freizeiten. Mit Jugendlichen wanderte er 7 mal, mit Erwachsenen verbrachte er mehrere Freizeiten auf Juist.

In seiner Freizeit singt er seit vielen Jahren im gemischten Chor Leopoldstal und ersetzt auch schon mal den Chorleiter. Das Wohnen im Pfarrhaus war sehr schön. Die Gartenpflege wie Rasenmähen und Hecke schneiden gehörte auch zu seinen Aufgaben.

Familie?
„Vielleicht habt Ihr Euch schon Gedanken gemacht und gemerkt: Ich habe noch so gut wie nichts von meiner Familie erzählt. Von meiner Frau und unseren beiden Kindern. Ja, die mussten oft leise sein, „Papa arbeitet!“ Ich habe mit Jan und Sonja nicht viel spielen können. Und wenn sie jemanden brauchten, mussten sie zur Mama gehen. Oder zu Oma und Opa im Forsthaus. Die hatten viel Zeit für die beiden. Und da waren sie allerdings auch sehr, sehr gerne!
Familie, das war im Urlaub in Finnland, in der Schweiz, auf Mallorca, in Frankreich. Und wenn wir dann wieder zuhause angekommen waren, klingelte meist nach zehn Minuten das Telefon…
Und wenn ich denn mal Zeit für mich hatte, ganz allein, und wenn ich eine Pause brauchte, nichts sehen und nichts hören wollte, dann bin ich auf den Dachboden hier oben im Gemeindehaus gegangen. Da hatte ich nämlich meine elektrische Eisenbahn aufgebaut. Die steht aber jetzt in Kartons verpackt bei uns im Haus. Vielleicht baue ich sie nochmal wieder auf. Dann bin ich wieder mal eben weg…“
Nun, wie merkte Siegfried Franzen zu Beginn der Veranstaltung an? „Ein Pastor darf über alles reden, nur nicht über 20 Minuten.“ Unsere Kinder rutschten schon etwas ungeduldig auf ihren Stühlen hin und her und freuten sich jetzt über eine kleine Pause.
Margrit hatte kleine Nuss- und Mandelküchlein gebacken, mit leckerer Schokolade überzogen und mit bunten Streuseln verziert. Apfelsaft gab es dazu und für uns Erwachsene sogar noch Kaffee.  Schnell wurde ein Küchlein geschnappt und die ersten waren s

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chon draußen und genossen die Frühlingssonne. Das Kirchgelände wurde erkundigt. Aber Siegfried wollte den Kinder noch so viele Dinge zeigen! Aus seiner umfangreichen Bibelsammlung (ca. 300 Stück!) hatte er einige Exemplare mitgebracht. Darunter waren über 100 Jahre alte Gesangbücher und eine Bibel aus dem Jahr 1667, gedruckt in Basel, Text von Martin Luther.
Zu seiner Sammlung gehörten auch lateinische, griechische und hebräische Bibeln. Zu der hebräischen Bibel erklärte er: „ Wenn ich sage, schlag mal die erste Seite auf, dann ist das die letzte Seite. Denn Hebräisch schreibt sich von hinten nach vorne, von rechts nach links!“
Er zeigte eine neue Bibel, frisch zum Reformationsjubiläum erschienen und Kurioses wie „die kleinste Bibel der Welt“. Dabei handelt es sich um ein Dia, das den kompletten Bibeltext enthält. (wäre lesbar wenn das Dia auf einer Projektionsfläche von 7,90 x 8,80 erscheinen würde)

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So, und das war noch nicht alles. Siegfried Franzen hatte noch ein kleines Quiz vorbereitet. Um die Fragen beantworten zu können, musste jedoch die neue Kirche genau angeschaut werden.
Es gab Fragen zur Einrichtung und zur Architektur, zu den Glasfenstern, die im Übrigen von Margrit Franzen entworfen wurden, zur Orgel und zu den Glocken im Turm. Diese haben jeweils einen Namen: „Glaube“, „Hoffnung“ und „Liebe“ heißen die drei Glocken. Und die Liebe ist die stärkste unter ihnen. Sie hat den dunkelsten Klang.
Noch einmal sangen wir das „Weißt Du noch …“-Lied zur Gitarrenbegleitung von Siegfried.

 

Jedes Kind bekam noch ein Abschiedsgeschenk zur Erinnerung an diesen schönen Nachmittag: Tütchen mit kleinen, bunten Schokoladentäfelchen mit dem „Sarotti-Mohr“ (wie damals das Kindergottesdienstteam) und eine leuchtend rote Karte mit einem Foto des textilen Wandbehanges  aus dem Gemeindehaus(eine Gemeinschaftsarbeit von Leopoldstalerinnen), das den Franz von Assisi unter einem Regenbogen inmitten unzähliger Vögel zeigt.
Wir verabschiedeten uns, indem wir uns alle an den Händen fassten, sie auf- und niederschwangen und gemeinsam sprachen: „Gott geht mit, darauf kannst Du Dich verlassen!“
Für uns ging wieder ein wunderbarer Erzählnachmittag zuende. Wir hatten sehr viel über den Pastorenalltag in Leopoldstal erfahren und gelernt.

Siegfried und Margrit packten zufrieden ihre „Sieben Sachen“ in den mitgebrachten Handkarren um ein Haus weiter, ins alte Forsthaus zurückzukehren.
Das „Weißt Du noch wie`s früher war“-Team bedankt sich herzlichst bei Siegfried und Margrit Franzen und bei der Kirchengemeinde Leopoldstal für die freundliche Unterstützung!

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(Text: Marion Petringmeier nach einem ausführlichen Manuskript von Siegfried Franzen

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